Freie Presse: Herr Simon, nach der Amokfahrt am Montag in Leipzig wird wieder über Sicherheit gesprochen. Was geht Ihnen durch den Kopf?
Michael Simon: Meine Gedanken sind zunächst bei den Hinterbliebenen und Betroffenen. Das ist eine furchtbare Tat. Zugleich zeigt sich erneut: Ein Auto ist in eine Menschenmenge gefahren – und wieder gab es eine Schwachstelle. Das Problem ist nicht, dass wir nichts wissen – das Problem ist, dass wir nicht konsequent handeln.
FP: Die Zufahrt in die Einkaufsstraße in Leipzig war offenbar an einer Stelle ungesichert. Ist das ein typisches Problem?
Simon: Ja. Es reicht eine einzige offene Stelle – und genau die wird genutzt. Das sehen wir immer wieder. Deshalb muss man solche Bereiche ganzheitlich betrachten und nicht nur punktuell absichern.
FP: Was meinen Sie damit konkret, dass nicht konsequent gehandelt wird?
Simon: Es wird immer gesagt: Wir können nicht alles verhindern. Das stimmt. Aber dieser Satz wird oft als Ausrede benutzt, um zu wenig zu tun. In anderen Bereichen würden wir so nie argumentieren. In der Autoindustrie werden ständig neue Sicherheitssysteme entwickelt, im Brandschutz ebenso. Nur hier akzeptieren wir das Risiko einfach.
FP: Sie sprechen von einer Ausrede. Wo liegt aus Ihrer Sicht die eigentliche Herausforderung?
Simon: Dass wir die Maßnahmen, die möglich wären, nicht konsequent umsetzen. Wir wissen, was zu tun ist. Aber wir beschäftigen uns immer nur dann damit, wenn etwas passiert ist – und danach ebbt das wieder ab. Das ist diese typische Wellenbewegung.
FP: Viele denken bei Sicherheit an Poller oder Betonblöcke. Reicht das nicht?
Simon: Nein. Ein Zufahrtsschutzkonzept ist viel mehr als ein paar Poller. Es geht darum, Anfahrtswege so zu gestalten, dass Geschwindigkeit gar nicht erst aufgebaut werden kann. Es geht um Wegeführung, um Hindernisse, um intelligente Planung. Wenn jemand nicht mit Tempo in eine Menschenmenge fahren kann, sinkt das Risiko massiv.
FP: Das klingt aufwendig. Lässt sich so etwas in Innenstädten überhaupt umsetzen?
Simon: Ja, absolut. Und zwar so, dass man es oft gar nicht sieht. Es gibt Lösungen, die funktional und gleichzeitig städtebaulich verträglich sind. Das Problem ist nicht die Technik – das Problem ist, dass sie zu selten eingesetzt wird.
FP: Wird das Thema aus Ihrer Sicht politisch unterschätzt?
Simon: Ja. Es gibt viele Arbeitsgruppen und Ansätze, aber die finden oft kein Gehör. Am Ende heißt es dann: Es passiert ja selten. Aber genau diese Haltung ist das Problem.
FP: Warum ist das so?
Simon: Weil solche Konzepte Geld kosten und weil Entscheidungen zu lange dauern. Und weil wir uns immer nur dann damit beschäftigen, wenn etwas passiert ist. Nach jedem Ereignis gibt es Betroffenheit – aber zu selten Konsequenzen.
FP: Welche Rolle spielen dabei finanzielle Zwänge?
Simon: Natürlich spielen Kosten eine Rolle. Aber man muss sich ehrlich fragen: Was ist ein Menschenleben wert? Wenn man das den Angehörigen der Opfer erklärt, relativiert sich diese Diskussion sehr schnell. Es geht nicht darum, alles zu sichern. Aber dort, wo viele Menschen zusammenkommen, muss man handeln – und zwar bevor etwas passiert, nicht erst danach.
FP: Gibt es Beispiele, wo das besser funktioniert?
Simon: Ja, etwa beim Oktoberfest in München. Dort werden jedes Jahr Millionen Besucher geschützt – und gleichzeitig funktioniert die Versorgung mit Lieferverkehr. Oder die Stadt Trier, die nach einer ähnlichen Tat konsequent investiert hat. Es geht also.
FP: Was müsste jetzt konkret passieren?
Simon: Wir müssen akzeptieren, dass es solche Taten gibt – unabhängig vom Motiv. Und wir müssen alles daransetzen, die Gelegenheiten dafür zu minimieren. Die Technik ist da. Jetzt braucht es den politischen Willen, sie auch einzusetzen.
(mik)
Zabag-Chef kritisiert Politik nach Amokfahrt in Leipzig_ Wir wissen was zu tun ist.pdf (4,9 MiB)